Glückliche Rock’n’Roller

Das Training konnte das Corona Virus den Tänzern zwar nehmen, aber nicht die Leidenschaft. Deshalb freuen sich die Rock’n’Roller vom RRC Böblingen noch mehr, endlich wieder richtig üben zu können.

Die Formation "Kleiner Süden" des RRC Böblingen ist wieder in ihrem Element: Marc Schuster (vorne), Beate Widmann (oben), Katrin Mutter, Steffen Digeser, Katharina Digeser, Thomas Voith und Katja Schuster (v. li.) haben den Rock'n'Roll in der Corona-Pause vermisst Foto: Jenny Schwartz

Mit Saltos und Schwung darf der Rock'n'Roll Club Böblingen sein Training nach monatelanger Corona-Pause wieder vollständig aufnehmen. Nur die Gummibärchen müssen sich wohl noch bis nach den Sommerferien gedulden, denn das Sicherheitskonzept ist für die ganz Kleinen noch zu kompliziert.

Nach Wochen der Stille tönt endlich wieder der Rock'n'Roll aus der Turnhalle des Böblinger Otto-Hahn-Gymnasiums. Seit dem 22. Juni darf der RRC wieder offiziell hier trainieren. Doch bis wieder vollständig Normalität eingekehrt ist, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. So herrscht in der Halle beispielsweise Einbahnverkehr. Eingang und Ausgang sind voneinander getrennt, was bei manchen Eltern der Mini Grizzlies momentan noch für etwas Verwirrung sorgt. Im Gebäude selbst gilt eine Mundschutzpflicht, zumindest bis man in der Halle angekommen ist. Hier bietet sich dann endlich wieder ein normales Bild.

Rockige Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Die vier Paare der Turnierformation "Kleiner Süden" üben zum ersten Mal seit Monaten endlich wieder gemeinsam ihre Schritte. "Abstand halten", erinnert Trainer Thomas Krauss die akrobatischen Tänzer. Sofort springen die Paare auseinander. Doch so streng, wie es aussieht, ist das Abstandsgebot seit den Lockerungen am 1. Juli nicht mehr. "Bis dahin war das Training ein bisschen schwierig", erklärt Markus Stauss, erster Vorsitzender des RRC.

Allein die Informationskette sei ziemlich kompliziert gewesen. Sowohl die Landesregierung als auch die Stadt und der Landesverband hätten Regeln herausgegeben, an die man sich irgendwie halten musste. "Das hat eine Weile gedauert, bis wir ein passendes Konzept ausgekaspert hatten", räumt der 59-Jährige ein. Und selbst dann habe es noch einige Herausforderungen gegeben, die das Training erschwert hätten.

So durfte beispielsweise nur in kleineren Gruppen getanzt werden, woraufhin die Boogie-Gruppe von zwölf auf sieben Paare reduziert werden musste. Die Trainer durften zudem keine Hilfestellung geben, weshalb die Akrobatikübungen stark eingeschränkt werden mussten.

Das Tanzen in Formationen war für eine lange Zeit nicht erlaubt

Auch das Tanzen von Formationen war bis dato nicht erlaubt - der "Kleine Süden" hatte also keine Möglichkeit, gemeinsam richtig zu trainieren. Zudem durfte nur gemeinsam tanzen, wer liiert, verheiratet oder seit vielen Jahren Tanzpaar war. "Im Rock'n'Roll ist das nicht so schlimm, da hat man sowieso feste Partner", erklärt Markus Stauss. "Aber im Boogie, wo es Partnerwechsel gibt, war das schon ein Problem."

Inzwischen sind diese strengen Auflagen aber zum Glück Vergangenheit. Mit Desinfektionsmittel bewaffnet entwirrt Thomas Krauss die Seile in der Lounge der Turnhalle. Tänzerin Katharina Digeser wird gesichert und bereitet sich auf ihren ersten Salto seit Monaten vor. Bis dahin mussten sie und ihr Ehemann Steffen die Formationen allein Zuhause üben. "Das war ein Problem, unser Wohnzimmer war einfach zu klein", schmunzelt das Ehe- und Tanzpaar. Die anderen Mitglieder der Quattro-Formation waren meist per Videokonferenz dazugeschaltet. "Allerdings lief die Musik etwas zeitversetzt", erinnert sich Katharina Digeser. "Das war ein bisschen blöd." Ob es jetzt wohl schwierig ist, wieder ins richtige Training hineinzukommen? Die Befürchtung haben die Rock'n'Roller zum Glück nicht. "Aber ich freue mich schon auf den Muskelkater", schmunzelt Thomas Voith, der heute mit seiner Tanzpartnerin Beate Widmann zum ersten Mal überhaupt wieder am Training teilnimmt. "Der Muskelkater hat sich bei den meisten Tänzern bemerkbar gemacht", ergänzt Markus Stauss mit einem Grinsen. "Ansonsten sind die Leute aber erstaunlich fit aus der Coronazeit hervorgegangen - haben nur vielleicht hier und da ein bisschen zugelegt."

Dass man die Formationen aber schnell wieder im Kopf hat, bestätigt auch Kim Wolf. Die 16-Jährige tanzt bereits, seit sie sieben Jahre alt ist, und ist mittlerweile, gemeinsam mit ihrem Partner Colin Burgmayer in der Rock'n'Roll-B-Klasse angekommen. "Die Abläufe sind ja immer dieselben, deshalb vergisst man das auch nicht so schnell", meint die Aidlingerin. "Aber die Körperspannung hat in der Pause schon nachgelassen, obwohl ich mich fit gehalten habe."

Online-Training wird nach einiger Zeit etwas mühselig

Seit einiger Zeit trainiert Kim Wolf übrigens auch die Mini Grizzlies, also Kinder ab sechs Jahren, die jüngst zum ersten Mal wieder in die Halle durften. Vorher fand das Training auch hier über die Online-Plattform Zoom statt. "Das hat eigentlich ganz gut funktioniert", meint Kim Wolf. "Manchmal haben sogar die kleinen Geschwister mitgemacht." Nach einem Monat sei es allerdings etwas mühselig geworden, da man beim Online-Training nicht wirklich variieren konnte. Nach Wochen des Zu-Hause-Sitzens sei das Wiedersehen mit den Kindern auch unheimlich herzlich ausgefallen. "Die haben sich total gefreut", schildert Angelika Ehrt, die das Mini-Grizzlies-Training gemeinsam mit Kim Wolf, Colin Burgmayer und Jossi Kegreiss leitet. "Gerade Fange spielen und frei bewegen hat den Kindern sehr gefehlt, das hat man gemerkt."

Im Gegensatz zu den Mini-Grizzlies wird es für die kleinen Gummibärchen leider noch ein bisschen dauern, bis das Training wieder stattfinden kann. "Die sind einfach noch zu klein und brauchen während des Trainings meist noch ihre Eltern oder Geschwister bei sich", erklärt Angelika Ehrt. "Deshalb geht das momentan leider noch nicht."

Auch neue Mitglieder anzuwerben oder aufzunehmen sei aus Sicherheitsgründen im Moment nicht möglich. Trotzdem ist der RRC Böblingen aus der Corona-Situation bisher ganz gut aufgestellt hervorgegangen. "Wir sind hier eine Familie, die Leute hängen mit Spaß und Enthusiasmus an dem Sport", erklärt Markus Stauss. "Deshalb halten sie uns auch die Treue." Nur die ausfallenden Show-Auftritte würden dem Verein sowohl finanziell, als auch im Herzen wehtun. "Gerade mit dem ,Kleinen Süden' waren Auftritte auf dem Flugfeld und beim Altstadtfest geplant", bedauert Thomas Krauss. "Auch die Herbstmeisterschaften fallen dieses Jahr wahrscheinlich aus, das ist alles sehr schade."

Trotzdem freut sich der Coach, dass es nun zumindest mit dem Training endlich weitergehen kann. Denn live sei es doch einfach etwas anderes als über den Bildschirm. "Außerdem waren wir vor Corona auf einem guten Niveau - da ist jetzt Nachholbedarf", meint er mit einem Augenzwinkern. Doch als Katharina Digeser sich von ihren männlichen Partnern in die Luft werfen lässt und ihren ersten Salto vollführt, wird schnell klar: Das Training kann der Corona-Virus den Tänzern zwar nehmen, aber nicht die Leidenschaft.